2017 orte der stille

Eröffnungsansprache durch Herrn Büchel am 18.03.2017




Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Als ich das Thema der diesjährigen Ausstellung erfuhr, fielen mir spontan als "Orte der Stille" ein: Leere Kirchen und stille Örtchen. Der nächste Gedanke war: Was sind "Orte der Stille" und was ist Stille.

Wenn wir Stille meinen, denken wir sicherlich nicht an die absolute Stille, die Abwesenheit jedes Geräuschs, also Dezibel 0. Eine solche Stille ist kaum zu ertragen. Wir kommen uns isoliert vor, vom Leben abgeschnitten. Wir empfinden eine solche Stille als bedrückend, unangenehm, ja sogar beängstigend. Nicht von ungefähr werden in manchen Staaten Gefangene für längere Zeit in Räume absoluter Stille gesperrt, was zu Denkstörungen und Halluzinationen führt. Das ist Folter reinsten Wassers.

Stille, die wir als angenehm empfinden, ist also etwas anderes. Es sind z.B. die leisen, wohltuenden aber stetigen Geräusche eines dahinplätschernden Baches, die sanften Wellen des Meeres, die sich in mäßigem Wind bewegenden Baumgipfel, die surrenden Insekten auf einer Wiese im Sommer.

Johann Wolfgang von Goethe hat diesen Zustand der Natur in seinem "Wanderers Nachtlied" beschrieben, dessen Anfang lautet: Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch.

Die Natur ist nicht absolut Still. Wir hören die Geräusche des Windes, die Bewegungen der Bäume, die Laute der Tiere. Aber diese Geräusche stören uns nicht. Wir finden dabei zu einer inneren Ruhe.

Lärm macht auf Dauer krank, wissen wir seit Jahrzehnten. Aber es geht nicht nur um körperliche Gesundheit, wenn wir uns nach Stille sehnen; es geht um etwas wie "seelische Balance". Schließlich muss es Gründe dafür geben, dass die Weisen zu allen Zeiten und in allen Religionen die Stille suchten. Über ihr Motiv schreibt der Philosoph Wilhelm Schmid:

"Die Weite, die sich in der Stille auftut, relativiert alle Zeit, auch die Zeit der eigenen Endlichkeit. Der innere Blick öffnet sich über den Tag und über das eigene Leben hinaus."

Äußere Stille, so also die Erwartung, werde zur inneren Stille führen.

Innere Weite: Die Gedanken kommen und gehen lassen, ungestört, im Fluss. Vielleicht kommt dann der Moment, in dem wir aufhören zu denken und selbstvergessen einfach nur sind. Die Mönche nennen diesen meditativen Zustand habitare secum - Wohnen bei sich selbst.

Heute mag Vielen diese spirituell geprägte Suche nach Stille fremd geworden sein, aber versuchen wir, zumindest einen Schritt in diese Richtung zu gehen. Wir müssen nicht Einsiedler  oder Mönch werden. Es ist auch wichtig, sich mit Freunden zu treffen, am Leben dieser Welt teilzunehmen. Entscheidend ist, dass die Balance stimmt.

In der bildenden Kunst ist ein Stillleben das Abbild eines leblosen und bewegungslosen Arrangements von Gegenständen. Nicht anders ist es in der Fotografie. Unserer Fotografen haben versucht, Orte und Gegenstände einzufangen, die uns beim Betrachten still werden lassen, die uns die Möglichkeit bieten, beim Betrachten der Bilder auch in uns selbst hineinzuschauen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen ein gewinnbringendes Betrachten der Bilder. Den Fotografen danke ich herzlich, dass sie uns mit den Fotografien bereichern.

 

 




















  02.04.2017 - (c) fotofreunde walheim